Ethik der Beratung - Jahrestagung bso 5./6. November 2020

Es wäre schön, wenn wir uns wieder mehr in Widersprüche verwickeln würden. Wenn das geschieht, sind die Bedingungen für eine Ethik der Beratung gegeben. — Dies zu einem Erlebnis und einer Auseinandersetzung mit dem eigenen Wertesystem zu machen, ist das Ziel der Jahrestagung bso.

Die Tagung lädt gemeinsam mit namhaften Referent*innen zu Bewusstwerdung, Tätigsein und Klärungsarbeit im Reich der Ethik ein. Die Referent*innen gehen dabei selber in Auseinandersetzung und vertiefen ihre eigenen Impulse.

Die neu überarbeiteten Ethikrichtlinien bso bilden mit eine Basis und sind mit ein Thema. Ethikrichtlinien leben in Dialog und von der Auseinandersetzung mit Fallsituationen aus dem Beratungsalltag. Dies bildet unter anderem den dritten Teil der Tagung, zu der wir herzlich einladen.

Wir freuen uns, Sie im Volkshaus in Zürich begrüssen zu dürfen.
Dr. Jean-Paul Munsch,
Philosoph und Präsident bso und Prof. Dr. Christof Arn, Ethiker und agiler Hochschuldidaktiker


Tagungsprogramm - Volkshaus Zürich

Donnerstag 5. November 2020

16.30 - 20.30 Uhr

Auftakt

Dialogischer Impuls zu ethischer Kompetenz. Der Impuls wird in Kleingruppen aufgenommen und in einer Aufstellung der Wertepolaritäten überführt.

Anschliessend gemütliches Ausklingen bei Apéro Riche.

Auftaktveranstaltung für Mitglieder bso kostenlos.

Freitag 6. November 2020

08.30 Türöffnung, Begrüssungskaffee, Check-In

09.15 Tagungsbeginn

  • Impuls 1: Prof. Dr. Christof Arn
  • Impuls 2: Wolfgang Dinger
  • Impuls 3: Prof. Dr. Agnes Turner
  • Impuls 4: Prof. Sonja Hug
  • Impuls 5: Prof. Dr. Peter A. Schmid
  • Impuls 6: Prof. Dr. Martina Ukowitz
  • Vertiefung in den Paarungen

12.30 Mittagspause mit Stehlunch

  • Workshops
  • Schlusspodium mit den Referent*innen
  • Abschluss und Reflexionen zur Tagung 

17.45 Verabschiedung


Impulsgeber/innen

Dr. Christof Arn hat nach mehreren Forschungsprojekten im Feld Ethik vor 15 Jahren angefangen, Spitäler, Heime und andere Organisationen rund um ethische Fragen zu unterstützen. Er lehrt zudem Ethik an verschiedenen Hochschulen mit Schwerpunkt «Ethiktransfer»: Wie kann wissenschaftliche Ethik in unterschiedlichen Fach- und Praxisfeldern konkret hilfreich werden? Dazu hat Christof Arn publiziert und Methodiken entwickelt. Mehr auf ethikprojekte.ch.christof


Prof. Mag. Dr. Agnes Turner ist Professorin für Pädagogik und stellvertretende Institusvorständin am Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Alpen Adria Universität Klagenfurt. Sie ist Präsidentin der ANSE (europäischer Dachverband für Supervision) und Mitglied des DFG Netzwerks mentalisierungsbasierte Pädagogik. Sie forscht zu Fragen der Reflexion psychodynamischer Prozesse, emotionaler Aspekte beim Lernen und Lehren, mentalisierungsbasierter Pädagogik, Lernen und Lehren in einer digitalisierten Welt sowie zu beruflichen Professionalisierungsprozessen.

Prof. Sonja Hug Sozialarbeiterin FH und Supervisorin, Professorin an der Hochschule für Soziale Arbeit der Fachhochschule Nordwestschweiz. Schwerpunkte als Dozentin im Bereich Ethik in der Sozialen Arbeit, Ethik im Gesundheits- und Sozialwesen, klinische Sozialarbeit. Leiterin des MAS ethische Entscheidungsfindung in Organisation und Gesellschaft. Beratung von Organisationen und Einzelpersonen


Dr. Peter Schmid ist Dozent und Leiter des Masters in Sozialer Arbeit an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Er hat an der Universität Zürich Philosophie und Staatsrecht studiert und über praktische Ethik promoviert. Ausbildung zum Supervisor, Mediator und Coach an der ZHAW. Neben seiner Tätigkeit an der Hochschule Luzern ist er als freischaffender Ethiker, Supervisor und Moderator von Ethikforen im Sozial- und Gesundheitswesen tätig.

Mag. Dr. Prof. Martina Ukowitz ist assoziierte Professorin an der Abteilung für Personal, Führung und Organisation an der Universität Klagenfurt; Forschungs- und Arbeitsschwerpunkte: Organisationsforschung und Organisationsentwicklung, transdisziplinäre Forschung (u.a. im Kontext Beratungsforschung), Interventionsforschung, Prozessethik; Durchführung transdisziplinärer Forschungsprojekte in unterschiedlichen interdisziplinären Konstellationen in den Feldern Bildung, nachhaltige Regionalentwicklung, Naturschutz und Public Health.


Impulsvorträge und Workshops

Prof. Dr. Christof Arn - Ethikmethoden und Selbstreflexionstiefe: Persönlichkeitsentwicklung als Zuwendung von aussen

Wissenschaftliche Ethik ist zu grossen Teilen eine systematische Reflexionstechnik. Dabei geschieht wesentlich Selbstreflexion – mehr als oft vermutet wird, weil das Nachdenken über Werte stets zugleich ein Nachdenken über eigene Werte ist. Beratung und Organisationsentwicklung leben ebenfalls von Selbstreflexion – und zwar seitens der Beratenden wie der Ratsuchenden. Allerdings: Selbstreflexion wird umso tiefer, je offener man für Selbstinfragestellung sein kann. Wovon hängt das ab? Wie lässt sich das fördern? Wo sollten welche Grenzen im Blick bleiben?

In diesem Referat werden Thesen zum Zusammenhang von Grundprinzipien, Reflexionstechniken und Persönlichkeitsentwicklungsforschung erläutert und auf Praxis hin bedacht. Es ergeben sich Anregungen für die eigene Weiterentwicklung als Berater*in, als Ethiker*in, und Ideen für eine Erweiterung des Methodenrepertoirs als Beratungsperson: Selbstreflexion bei Ratsuchenden lässt sich stärken und transformativ vertiefen. 

Wolfgang Dinger (Inhalt folgt)


Prof. Dr. Agnes Turner - Holding mind in mind: Mentalisierung als Grundlage für Ethikfragen in Supervison und Coaching

Supervision und Coaching wird nach Pühl (2017) allgemein als ein „reflexives und prozessorientiertes Beratungsformat“ verstanden, in dem „Fragen, Problemfelder, Konflikte und Fallbeispiele aus dem beruflichen Alltag thematisiert [wird]. Stellt man dies dem Mentaliserungskonzept (Fonagy et. al. 2004; Schultz-Venrath 2013; Taubner 2015) gegenüber, so kann festgehalten werden, dass Supervision und Mentalisieren in einem Naheverhältnis zueinanderstehen (Gingelmaier 2018). In supervisorischen Prozessen werden durch Bearbeitung von konkreten Problemstellungen aus dem beruflichen Kontext sowie durch die Anleitung des/der Supervisorin explizites Mentalisieren (Allen et. al., 2011) gefördert. Speziell in der Auseinandersetzung mit ethischen Fragen zu und in Supervision und Coaching sind alle beteiligten Akteur*innen gefordert. Da die Mentalisierungsfähigkeit durch Stressfaktoren herabgesetzt werden kann (Taubner 2015), stellt dies Supervior*innen sowie Supervisand*innen vor besondere Hürden.

In diesem Beitrag wird das Konzept der Mentalisierung vorgestellt und im Kontext von ethischen Fragen in Supervision und Coaching diskutiert. Im Workshop werden anhand von Beispielen der Teilnehmer*innen als auch mitgebrachten Fallvignetten das explizite Mentalisieren gezeigt und erfahrbar gemacht.  Dabei wird Schritt für Schritt auf Mentalisierungsprozesse eingegangen und gezeigt, wie es gelingen kann, in herausfordernden beruflichen Situationen mentalisierend zu bleiben.

Prof. Sonja Hug - Die Würde des Menschen- wichtige Grundlage jeder Beratung oder nur Leerformel?

Die Achtung der Würde des Menschen gilt als wichtige Grundlage des Zusammenlebens. Deshalb ist sie auch juristisch, beispielsweise in der schweizerischen Bundesverfassung oder dem deutschen Grundgesetz verankert. In Diskussionen wird sie häufig bemüht und in allen Berufskodices direkt oder indirekt erwähnt. Aber was genau bedeutet es eigentlich, über den rechtlichen Rahmen hinaus, die Würde des Gegenübers zu achten und zu wahren?  Wann wird die Würde verletzt?
Gerade Würdeverletzungen werden oft primär emotional erfasst und lösen direkte Empörung aus. Dieser emotionale Kompass ist zwar unverzichtbar, alleine auf seiner Basis lässt sich Menschenwürde allerdings nicht griffig und verbindlich definieren. Auch in der Ethik bestehen unterschiedliche Konzeptionen von Menschenwürde. Unter Bezugnahme auf diese Konzeptionen lassen sich wichtige Grundsätze für die Praxis der Beratung ableiten, so dass Würde nicht länger eine Leerformel bleibt, sondern konkretisiert wird. Wobei auch in der ethischen Auseinandersetzung mit dem Würdebegriff gilt: Ethik bedeutet primär Reflexion von moralischen Regeln und Vorstellungen. Es gilt also, die Würde des Menschen mag unantastbar sein, der Würdebegriff aber durchaus kontrovers diskutierbar.

Prof. Dr. Peter A. Schmid - Ethik in der Supervision. Methoden – Leitplanken – Stolpersteine

In den letzten zwanzig Jahren haben Berufsethiken in den verschiedensten Bereichen Hochkonjunktur. Kein Berufsverband der keine Berufsethik oder Berufsordnung für seine Mitglieder verfasst hätte. Die Berufsethik regelt zwar, welches die ethischen Leitlinien der Berufsausübung sind und welches ethische Selbstverständnis professionelle Beraterinnen und Berater haben sollten. Damit ist aber noch nichts darüber gesagt, wie Ethik selbst in den spezifischen Formen der Beratung zum Thema werden kann. Im Impulsreferat soll der Frage nachgegangen werden, wie ethische Fragstellungen in der Supervision behandelt werden müssen. Welche methodischen Ansätze sind geeignet und wie verhalten sich diese Ansätze zur Berufsethik, wie sie der BSO vertritt? Neben Aspekten der Methode sollen die notwendigen Leitplanken einer Ethik in der Supervision zu Sprache kommen und die unvermeidlichen Stolpersteine der Behandlung von ethischen Fragen behandelt werden.

Dr. Martina Ukowitz - Beratung als prozessethisches Arrangement?

Ethische Fragestellungen berühren verschiedenste Dimensionen beraterischen Handelns. Eine Ebene der Auseinandersetzung betrifft die Institution Beratung selbst, ihre Funktion in der Gesellschaft und wie sich diese Funktion in der Beratungsarbeit spiegelt. Der Beitrag/Workshop fokussiert die wechselseitige Beziehung zwischen Beratung und Gesellschaft und eröffnet die Reflexion ausgehend von konkreten Praxiserfahrungen: Inwiefern spiegeln sich aktuelle gesellschaftliche Dynamiken in der Beratung und welche in welchem Ausmaß? Wie gehen BeraterInnen mit den spezifischen Kontexten um, in die die Anliegen ihrer KlientInnen und deren Organisationen gestellt sind? Inwieweit kann und soll in der Beratung ein gewisses Ausmaß an Systemreflexion aufgehoben sein und wie kann allenfalls der Widerspruch zwischen notwendiger Anpassungsleistung und reflexivem Widerstand balanciert werden?

 

Fragen wie diese verweisen auf beratungsmethodische Aspekte, aber auch auf eine grundsätzlichere Diskussion einer möglichen politischen Dimension von Beratungsformaten wie Coaching, Supervision oder Organisationsberatung. Der Zusammenhang von wirtschaftsethischen und beratungsethischen Fragen rückt in den Blick und schließlich die Frage, inwieweit Beratung das Potential hat, ein Setting (prozess)ethischer Auseinandersetzung zu sein. Ein interessanter Detailaspekt dabei ist die Frage nach dem Umgang von BeraterInnen mit eigenen Wertmustern und Normativität.


Preise

Tagungspreis

  • Mitglieder bso Frühbucher: CHF 195.00 
  • Mitglieder bso Normaltarif : CHF 245.00
  • Nicht-Mitglieder Frühbucher: CHF 295.00
  • Nicht-Mitglieder: CHF 345.00

Frühbuchertarif bei Anmeldung bis 15. August 2020

Rücktritt

  • Bis 30 Tage vor dem Anlass kostenlos
  • 29-15 Tage vor dem Anlass: 50% des Beitrags
  • Weniger als 15 Tage vor dem Anlass: 100% des Beitrags
  • Bei Ersatzteilnehmer/-in: keine Kostenfolge

Anmeldung Jahrestagung bso 5./6. November 2020

Anmeldung Fachtagung bso 5./6. November 2020

Anmeldung Fachtagung bso 5./6 November